Die Cyberrisiken in der Industrie: Ein wachsendes Problem
Die vergangenen Jahre haben unmissverständlich aufgezeigt, wie verwundbar industrielle Wertschöpfungsketten tatsächlich sind. Die undurchdringliche Verbindung zwischen Informations- und Betriebstechnologie (IT und OT) – in Kombination mit der Vernetzung von Produktionsstraßen, digitalen Lieferketten und cloudbasierten Steuerungen – hat ein komplexes Ökosystem hervorgebracht. Dieses Ökosystem birgt immense Potenziale für Effizienzgewinne, bietet jedoch zugleich eine wachsende Angriffsfläche für Cyberkriminelle. Eine robuste Sicherheitsarchitektur, die sowohl präventive als auch reaktive Sicherheitsmaßnahmen umfasst, wird für die langfristige Resilienz unerlässlich.
Cyberangriffe als strategische Bedrohung
Cyberangriffe sind heutzutage eine der Hauptursachen für Produktionsausfälle. Diese Angriffe sind nicht mehr zufällig, sondern zielt strategisch auf bestimmte Unternehmen ab. Die Industrie bietet Cyberkriminellen attraktive Ziele: Hohe Werte, komplexe Netzwerke und zeitkritische Prozesse, häufig ergänzt durch eine heterogene Sicherheitsarchitektur zwischen IT und OT. Stellt man sich die Frage nach den Konsequenzen, wird deutlich, dass die Risiken nicht ignoriert werden können; sie gehören mittlerweile zum Alltag industrieller Resilienz.
Schwachstellen in modernen OT-Systemen
Moderne industrielle Anlagen sind technologisch äußerst komplex und beinhalten Technologien wie Robotik, IoT-Sensorik sowie KI-gestützte Steuerungen. Viele dieser Operational Technology (OT)-Systeme basieren jedoch auf älteren Plattformen, die nicht für Cyberabwehr, sondern für Stabilität konzipiert wurden. Diese Konstellation macht Produktionssysteme besonders anfällig für Angriffe. Schwachstellen wie ungesicherte Fernzugänge oder Software-Updates können kritische Prozesse ernsthaft gefährden.
Steigende Angriffsfläche der Lieferketten
Die digitale Transformation globaler Lieferketten hat nicht erst in den letzten Jahren begonnen, jedoch haben die vorgenommenen Änderungen auch neue Risiken hervorgebracht. Die Anzahl der Angriffe, die über Drittanbieter initiiert werden, hat sich in verschiedenen Branchen praktisch verdoppelt. Besonders alarmierend sind Malware-Angriffe in Firmware-Updates und der Einsatz kompromittierter Ersatzteile. Das Beispiel eines fehlerhaften Cybersecurity-Tools, das zu einem großflächigen Produktionsstillstand führte, verdeutlicht, wie schnell solche Risiken eskalieren können.
Regulatorische Herausforderungen mit NIS2
Im Jahr 2026 wird die NIS2-Richtlinie zu einer zentralen regulatorischen Herausforderung für Unternehmen. Diese gesetzliche Vorgabe fordert von den Unternehmen, Risiken regelmäßig zu evaluieren, ein dokumentiertes Cyber-Vorfallmanagement zu führen, Verantwortlichkeiten klar zu definieren und Meldepflichten innerhalb weniger Stunden zu erfüllen. Solche Anforderungen stellen nicht nur organisatorische Herausforderungen dar, sondern erfordern auch eine tiefere Integration der Sicherheitsmaßnahmen in die gesamte Lieferkette.
Strategien zur Erhöhung der Cyberresilienz
Um sich gegen ansteigende Cyberrisiken zu wappnen, setzen erfolgreiche Unternehmen auf segmentierte OT-Netzwerke, die Angriffe effektiver eindämmen können. Regelmäßige Cyber-Übungen, die sowohl IT- als auch OT-Systeme und das Management einbeziehen, sind ebenso entscheidend wie Echtzeit-Monitoring-Systeme, die Manipulationen frühzeitig erkennen. Digitale Zwillinge ermöglichen es, Systeme im Notfall kontrolliert zurückzusetzen und somit die Resilienz zu steigern.
Cybersecurity als Wettbewerbsfaktor
Die Wettbewerbsfähigkeit von Industrieunternehmen entscheidet sich zunehmend an der Fähigkeit, digitale Produktionssysteme effektiv zu schützen. Cyberangriffe gehören zur neuen Normalität und betreffen zunehmend den operativen Kern der Unternehmen. Wer Cybersecurity jedoch lediglich als Kostenblock abtut, wird Schwierigkeiten haben, seine Marktposition und Lieferfähigkeit zu wahren. Unternehmen, die heute in Resilienz und robuste Sicherheitsarchitekturen investieren, sichern sich einen entscheidenden Vorteil in einer Welt, in der Cyberbedrohungen ständige Begleiter sind.
Über den Autor
Bernhard Zacherl ist als Director im Bereich Cybersecurity tätig. Er ist seit 2009 bei EY Österreich und berät mit seinem Team sämtliche Themen im Hinblick auf Cyber-Governance und Cyber-Resilience. Zusätzlich hat er einen starken Fokus auf regulatorische Cybersecurity-Anforderungen.